Ankommen im Gemeinwesen – Praxiserfahrungen

Auszüge aus der Befragung der BAG Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit

An der Befragung der Befragung der BAG Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit im April 2016 beteiligten sich 29 Organisationen und Einzelpersonen.

Neben einem Einblick in die aktuellen und neuen Herausforderungen an die Gemeinwesenarbeit und die aktuellen Unterstützungsbedarfe bei der Integration von Geflüchteten in Stadtteilen und Quartieren, in denen Gemeinwesenarbeit stattfindet, wurde vor allem deutlich: die Erfahrungen, Kompetenzen und Stärken aus der langjährigen Integrationsarbeit sind in der aktuellen Situation mit den Neuankommenden besonders hilfreich. Und es gibt eine Fülle an guten Beispielen für Integrationsarbeit und –erfolge, die auf der Methode der Gemeinwesenarbeit aufbauen.

Auf der Basis dieser Befragung formulierte der Vorstand der BAG Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit eine Position und Forderungen zur langfristigen Integration von Geflüchteten formuliert:

Im Folgenden haben wir Auszüge aus den Antworten, die sich vor allem auf die Praxis der GWA in der Integration von Geflüchteten zusammengestellt:

- – -

1. Erfahrungen, Kompetenzen und Stärken aus der langjährigen Integrationsarbeit

Netzwerke

Eine zentrale Ressource, die in der Gemeinwesenarbeit in der Integrationsarbeit aufgebaut wurde, sind Netzwerke und Kooperationen. Durch lang gewachsene Netzwerke können viele Kontakte sehr unbürokratisch hergestellt werden.

Gewachsene Soziale Netzwerke in denen zivilgesellschaftliche Akteure zusammen mit kommunalen Vertretern auf Quartiersebene funktionieren (Stadtteilkonferenzen), bieten eine gute Ausgangsbasis für sozialraumorientierte, bedarfsgerechte Maßnahmen und Projekte. Stabile und verlässliche Vernetzungsstrukturen im Stadtteil ermöglichen quasi naturwüchsig ein trägerübergreifendes Handeln und Diskurse im Sinne der Stadtteilbedarfe.

Langfristig geknüpfte Kooperationen sind sofort verfügbar. Starke Netzwerke im Sozialraum sind in der Lage, in kürzester Zeit auf entsprechend veränderte Bedarfe im Quartier zu reagieren, individuelle Vorgehensweise möglich, Träger, die schon lange mit benachteiligten Zielgruppen gearbeitet haben, stellen sich schneller auf veränderte Situationen im Stadtteil ein.

Eine gute Vernetzung besteht oft zwischen sehr unterschiedlichen Beteiligten: Migrationsdienste, Sprach- und Kulturmittler, Bildungseinrichtungen von Volkshochschulen (VHS) bis Schulen, Jugendeinrichtungen, Kitas, Initiativen und auch der kooperativen Wohnungsbaugesellschaften. Die langjährige gute Zusammenarbeit hilft bei der Vermittlung in die Institutionen, in die Vermittlung von Wohnungen, den unbürokratischen Aufbau von Deutschkursen, Kinderbetreuung, Beratung bis hin zu praktischen Hilfen wie Möbelspenden, Begleitung zu Ämtern, Ärzt*innen u.a. Außerdem existieren gute Netzwerke der sozialen Infrastruktur in den Gebieten sowie Arbeitskreise und Gremien zum Austausch mit professionellen Mitarbeiter*innen, Politik und Gremien.

Gewachsene Strukturen und Engagement

Die neu Ankommenden treffen gerade in sozial benachteiligten Stadtteilen auf viele seit langem bestehende und langjährige erarbeitete Strukturen. Gemeint sind damit sowohl „greifbare“ Strukturen, wie Treffs, Foren, Formaten oder Einrichtungen als auch die Bewohnerschaft selbst. Gerade hier leben oft Mitmenschen mit Migrationshintergrund, die entweder bereits selbst Erfahrungen im Ankommen haben, oder andere kennen, die über diese besonderen „Ressourcen“ verfügen. Als eine besondere Stärke in vielen Stadtteilen entpuppen sich gerade diese, in gewisser Weise im Vertreten der eigenen Interessen und dem Aufbau und dem Unterstützen von Strukturen der „Selbsthilfe“ ausgebildeten, aktiven Bewohner*innen. Hier stößt man auf besondere Stärken des „Ehrenamts“ oder „bürgerschaftlichen Engagements“ (wie es in anderen Zusammenhängen oft benannt wird).

Niedrigschwellige Angebote, die Öffnung der Einrichtungen für viele unterschiedliche Menschen, die Schaffung von Begegnungsmöglichkeiten etc.:. Begegnungsmöglichkeiten muüssen nicht erst konzipiert und mühsam aufgebaut werden. Die große Bereitschaft zu ehrenamtlichem Engagement kann in der Fläche aufgenommen werden. Geflüchtete werden in die Aktivitäten einbezogen etc. Es gibt Einrichtungen wie Freiwilligenzentren oder auch ein Migrationsdienst, die Engagementwilligen Anlaufstellen sind, wenn sie „Einsatzstellen“ suchen, ein Matching mit Geflüchteten, die sie als Mentor*innen, Pat*innen u.ä. begleiten wollen, wenn sie Informationen/Qualifikation u.ä. wollen, wenn das Engagement koordiniert werden muss.

Haben Fachbereiche schon zuvor vernetzt zusammengearbeitet und die interkulturelle Öffnung vorangetrieben, kommt es zu passgenauer Vermittlung und die Zugangsschwellen für Neu-Zugewanderte sind niedriger.

Ein Beispiel ist ein gut aufgestellter Migrationsdienst, der Einzelberatung mit Clearings-Phasen verbindet und konsequent an andere Dienste, Einrichtungen und Institutionen vermittelt. Gemeinwesenarbeit und bürgerschaftliches Engagement bringt Menschen zusammen, die eher ungewollt Nachbarn wurden; sie ermöglicht Begegnung, Kennenlernen, Solidarisierung – Ankommen auf der einen Seite und Aufnehmen auf der anderen Seite. Wenn dieser Arbeitsansatz systematisch mit individueller Fallarbeit verbunden wird, können mehr Menschen als allein durch den Migrationsdienst erreicht werden.

Haltungen

Die Orientierung am Willen der Menschen, tatsächliche Partizipation, gelingende, tiefgehende Kooperationen, Wahrnehmung und Integration der vorhandenen Ressourcen, Förderung des ehrenamtlichen Engagements und die zielgruppenübergreifende Arbeit haben zu einer veränderten Haltung, einem veränderten Verständnis der eigenen Profession und damit verbunden einer Weiterentwicklung der eigenen Arbeit geführt.

Es ist das klassische Verständnis der GWA, was besonders hilfreich ist: Nahe bei den Menschen, alle Menschen können etwas, jeder Mensch ist wertvoll, jede/r will sein Leben eigenständig gestalten und nicht bevormundet werden. Also eine klare Haltung und damit verbundenes Handeln!

Kenntnisse

Viele Antworten machen deutlich: durch die lange Gemeinwesenarbeit sind fundierte Kenntnisse vorhanden, die auch in der aktuellen Herausforderung unverzichtbar sind und eine wichtige Grundlage in der Arbeit mit Geflüchteten sind. Kenntnisse, wie „Überblick und Kenntnis der regionalen Unterstützungsangebote, interkulturelles Wissen, Diplomatie in politischen Netzwerken“ und „Kenntnisse von den Ressourcen im Stadtteil, die hilfreich sind, um gerade den neu Ankommenden Zugänge zu erschließen und Kontakte zu vermitteln“.

Dazu kommen vielerorts fundierte Kenntnisse im Ausländer- und Asylrecht und Sprachkenntnisse.

Fazit

All das, was in den letzten Jahren aufgebaut wurde, erlebt nun den Praxistest bei der Integration der Flüchtlinge.

2. Praxis gelingender Integrationsarbeit

Wichtig ist die Integration in bestehende Angebote und diese offen und inklusiv zu halten. „Speziell für Geflüchtete Gruppen einzurichten halten wir für den falschen Weg im Sinne der Gemeinwesenarbeit.“ Und es gilt auch umgekehrt: Die Arbeit mit den Flüchtlingen ist immer auch Arbeit mit den ‚einheimischen‘ Bewohner*innen, die bei allen Angeboten gleichermaßen angesprochen und einbezogen werden.

Dennoch gibt es eine Reihe von Ansätzen, Projekten, Maßnahmen, in denen Geflüchtete im Fokus stehen. In der Regel gilt: diese führen vor allem zum Erfolg, wenn sie niedrigschwellig und vernetzt sind. In einem der marginalisierten Bezirke zeigt sich beispielsweise, dass Projekte, die Entscheidungsfreiheit lassen und weniger auf rasche und intensive Kontaktnahme abzielen, in kulturell disparaten Kontexten besser angenommen werden.

Auch gezielte Maßnahmen mit ausgeprägter Geh-Struktur wie das Projekt Street Doc, worin medizinische Soforthilfe und Sozialberatung kombiniert werden, dienen sowohl zum Kontaktaufbau als auch zur weiteren Integration in bestehende Angebote.

Erfolgreich war auch die Beauftragung der Stadtteilzentren in Berlin zur Schaffung einer Willkommenskultur und Integrationsstruktur rund um die Wohneinrichtungen für geflüchtete Menschen. In sehr kurzer Zeit sind eine Vielzahl von Netzwerken initiiert, Bürgerschaftliches Engagement gesteuert und konkrete Angebote umgesetzt worden.

Die Erfolge der Integration von Geflüchteten sind häufig das Ergebnis des Zusammenwirkens unterschiedlicher Akteursgruppen, also: Kommune, freie Träger und Ehrenamtsstrukturen. Eine vernetzte Struktur ist die Voraussetzung dafür.

Wohnen

In einem sozial stark belasteten Stadtteil wurden aufgrund der eingeschränkten kommunalen Handlungsmöglichkeiten auf die stark ansteigenden Flüchtlingszahlen Asylbegehrende in städt. Schlichtwohnungen untergebracht. Trotz aller (berechtigten) Befürchtungen mit diesem Schritt die sozialen Spannungen weiter zu verstärken, gelang es hier durch konsequente sozial-pädagogische Begleitung und Betreuung nicht nur der Geflüchteten, sondern auch der angestammten Bevölkerung, ein gemeinsames “Wir-Gefühl“ zu vermitteln. Durch Umfeldmaßnahmen in gemischten Arbeits-Teams konnten Vorurteilen entgegen gewirkt werden.

Für Geflüchtete in eigenen Wohnungen besteht ein Patenschaftsvertrag mit der vermietenden Wohnungsbaugesellschaft (Ehrenamtliche engagieren sich für jeweils eine Familie).

Beschäftigung

Gute Erfahrungen aus ersten Integrationsansätzen als Träger einer Notunterkunft (Turnhalle) wurden in einem Stadtteil v. a. in Zusammenarbeit mit der örtlichen Bürgerinitiative gemacht. Es sind nach wenigen Monaten Praktika- und BuFD-Angebote für die Geflüchteten entstanden, die Unterstützung der umliegenden Anwohnerschaft und vorhandener Institutionen/freier Träger funktioniert.

Sport und Bewegung

Sportangebote verbinden und sind niedrigschwellig. Genannt werden viele Beispiele: Fußball, Tanz, Breakdance, Soccer – Fußballturniere und Zumba mit Flüchtlingen, Mutter-Kind-Turnen, Boule-Gruppen im Freien etc.

Hilfreich können auch „regelmäßige Hallenzeiten für Flüchtlingssport“ sein. In einem Stadtteil wurde ein Netzwerk „Integration durch Sport“ etabliert.

Fahrradfahren ist ein Zugang zu Bewegung und Mobilität – in einem Stadtteil wird das Projekt “Mit dem Fahrrad durch den Alltag“ umgesetzt.

Sprache

In manchen Stadtteilen gibt es schon lange Sprachkurse für Aussiedler und Migranten, die jetzt für Flüchtlinge/ Asylbewerber ausgeweitet werden. Dazu kommen Erste-Hilfe Sprachkurse für Flüchtlinge im Stadtteil aus Ehrenamt heraus.

Mancherorts wird die Notwendigkeit der Kinderbetreuung während der Sprachkurse aufgegriffen, in einem Stadtteil findet sogar ein “Singender Sprachkurs” statt.

Gute Erfahrungen werden mit Sprachkursen gemacht, deren Anbieter in enger Kooperation mit der Gemeinwesenarbeit agieren.

Begegnung

Unerlässlich erscheinen sozialraumübergreifende Initiativen wie Stadtteilfeste und die Schaffung von Begegnungsmöglichkeiten im Quartier.

Ein Beispiel ist das Café Welcome: ein Begegnungscafé für Flüchtlinge und Bewohner*innen aus dem Quartier. Getragen wird das Café von einem großen Ehrenamtsteam, in dem sich viele Bewohner*innen engagieren, Anwohner*innen spenden Kuchen, Geschäfte spenden Gebäck, Kaffee, Tee usw. Mittlerweile ist Café Welcome nicht mehr nur Begegnungscafé, sondern es haben sich eine Vielzahl von flankierenden Unterstützungs- und Freizeitangebote entwickelt (z.B. Begleitungsdienste, Beratung in Rechtsfragen, Mütter-Kind-Gruppe ‚Die flinke Nadel‘, Interessensgruppen, Fußballspiel und Vergleichbares.) Möglich ist das durch die hohe Anzahl der Ehrenamtlichen, die sich mehr und mehr auch in kommunalen Zusammenhängen engagieren.

Vermittlungen über Sozialberatungsangebote in Begegnungszentren schaffen Zugänge, Migrantenberatungsmöglichkeiten.

Ein weiteres Beispiel: eine „Tour der Religionen“, die den Dialog untereinander aufrechterhält.

Orientierung und Alltagsbewältigung

Auch Orientierungshilfen für das Leben im Stadtteil bei z.B. Mülltrennung und ähnlichen Themen sind erfolgreiche Projekte zur Integration. Weitere Beispiele von Aktionen mit eindeutig handlungspraktischer Ausrichtung:

  • Nähwerkstatt
  • kostenloses, offenes und anonymes WLAN der Initiative
  • offene Kreativangebote, gemeinsamer Frühjahrsputz mit Einheimischen und Flüchtlingen · Biografiebücher, Ausstellungen (z.B. Meine beste Deutsche Freundin, Kein Krieg in meinem Namen, Blick in ein Flüchtlingszimmer, Portraits von Zugewanderten)
  • Themenabende, fremde Länder, fremde Küche · Interkulturelle Gewohnheiten (z.B. Kochnachmittag statt Elternabend)
  • Ökumenischer MittagsTisch der Innenstadtgemeinden (Zuwanderer, Saisonarbeiter u.ä.) jeden Freitag
Qualifizierung
  • Beispiele für unterschiedliche Ansätze und Formate:
    Qualifizierungsangebote für Migrant*innen in der Freiwilligenarbeit · Qualifizierungsangebote für ehrenamtliche Tätige (grundlegende Beratung, Supervision, fester Ansprechpartner im Fachkraftbereich)
  • Bürgerforen/ Fachtage: Weiterbildungsmöglichkeiten zum Thema Asyl, Unterbringung, Integration
  • Das Ehrenamtsteam wird vom hauptamtlichen GWA-Mitarbeiter betreut, es werden von ihm auch gezielte Fortbildungsangebote für das Team organisiert.
Partizipation

Genannt wurde die Durchführung von “aktivierenden Befragungen” / Mieterbefragungen oder Maßnahmen im Rahmen von Kita!Plus, die auf Befragung der Betroffenen beruhen.

Gute Erfahrungen wurde z.B. in der gemeinsame Auseinandersetzung mit Regeln im Stadtteil und Gemeinwesen gesammelt. Wenn beispielsweise der Dialog darüber gesucht wurde, was das „Gemeinwesen“ denn auszeichnet. Mit Fragen wie: Auf welche gemeinsamen Regeln möchten wir uns einigen? Was davon ist in gewisser Weise verhandelbar und diskutabel – und was vielleicht nicht? Welche Regeln (in unserer Einrichtung oder unserem Stadtteil) gibt es vielleicht schon? Welche sind weniger wichtig, welche sehr? – Der Aufbau von Formaten, an denen sich möglichst alle Akteure/Einrichtungen oder z.B. Religionen eines Stadtteils beteiligen (können und z.T. vielleicht auch bis zu einem bestimmten Grad „müssen“).

Sehr erfolgreich ist der Engagementfonds für Projekte/Aktionen, die ein Willkommen in der Nachbarschaft ermöglichen – angelehnt an den Verfügungsfonds wird nachbarschaftliches Engagement für und mit Geflüchteten unterstützt. Die Entscheidung über die Mittelvergabe erfolgt über eine Jury/einen Beirat. Ebenfalls als erfolgreich hat sich erwiesen, wenn Migrant*innen eigenverantwortlich in die Integrationsarbeit eingebunden sind. Beispielsweise haben in einem Stadtteil Deutsche aus Russland ihren Treff im Stadtteil für Geflüchtete geöffnet und bieten nun Raum für Austausch und Kommunikation und gemeinsames Lernen für Menschen unterschiedlichster Herkunft und Nationalität.